
Der Polizeisportverein Saarbrücken bietet Tanzsport für Blinde an – Teilnehmer sind begeistert - "Ein Gefühl wie schweben"
In ihrer Ausgabe vom 22.10.08 berichtet die "Saarbrücker Zeitung" über ein saarlandweit, wenn nicht bundesweit einmaliges Projekt, Behinderte an den Tanzsport heranzuführen. Wir zitieren aus dem Artikel von Redakteur Stefan Regel:
Tanzen ist Träumen mit den Beinen, lautet ein finnisches Sprichwort. Die Bewegung im Rhythmus der Musik bringt Lebensfreude. Dass das auch bei blinden Menschen sehr gut möglich ist, beweist ein Modellprojekt des Polizeisportvereins (PSV) Saarbrücken. Der PSV hat rund 1600 Mitglieder, davon sind 200 in der Tanzabteilung. Aus dem Kreis der behinderten Menschen könnte jetzt Zuwachs kommen. Denn in drei Gruppen tanzen an die 100 körperlich und geistig Behinderte (bei ihnen ist es eher Bewegung zur Musik) unter der Leitung von Trainerin Karin Wehowsky. Darunter sind auch rund 15 Blinde und Sehbehinderte. "Das ist das erste Mal, dass im Saarland so etwas angeboten wird. Meines Wissens gibt es so etwas in ganz Deutschland noch nicht", sagt Klaus Wehowsky, Karins Mann und PSV-Abteilungsleiter.
Ziel ist es, blinde Tänzerinnen und Tänzer in "normale" Trainingsgruppen zu integrieren. Oder sie so weit zu bringen, dass sie das Tanzsportabzeichen ablegen können. Egal, unter welcher Krankheit die Teilnehmer leiden, es gibt eine Lösung dafür. "Wenn jemand zum Beispiel auf der rechten Körperhälfte eingeschränkt ist, macht er nur Linksdrehungen. Es wird sowieso viel aus der Körpermitte gemacht, die Dame kopiert sozusagen den Körper des Herrn", erklärt Klaus Wehowsky.
Grund genug für die SZ, einmal beim Training vorbeizuschauen. Zuerst machen sich die 14 Tänzer, die aus dem ganzen Saarland kommen, einmal warm. Dann geht es an die Grundschritte. "Das ist wesentlich anstrengender als sonstiger Tanzunterricht. Denn der lebt vom Vormachen und Nachmachen, eben, was hier wegfällt. Man muss alles ganz genau erklären, danach ist als Trainer aber auch die Befriedigung größer", sagt Karin Wehowsky. Sie hat als einzige Trainerin im Saarland alle nötigen Scheine und Lizenzen, um dieses Training anzubieten. Ohne sie würde nichts gehen. Zwei Jahre lang war Karin Wehowsky fast jedes Wochenende zu Seminaren unterwegs, um Kenntnisse wie Orthopädie, Reanimation oder den Umgang mit Diabeteskranken zu erwerben.
Nun wird der langsame Walzer geübt. Und auch der SZ-Reporter darf mitmachen. An der Hand von Gertrud Feld aus Saarbrücken werden Erinnerungen an längst vergessene Tanzstunden wieder wach. Allerdings stellt sich die aus Bliesen stammende Feld vor allem beim Jive deutlich geschickter an. "Ich finde die Möglichkeit klasse, dass man das hier machen kann, einen Tanzkurs wollte ich schon öfter mal machen. Normale Tanzschulen nehmen einen ja nicht auf", sagt Gertrud Feld. Auch Silvia Hame aus St. Wendel tanzt mit ihrem Partner so flüssig, dass niemand auf die Idee kommen würde, beide seien blind. Sie engagiert sich als Referentin für Gesundheit und Sport im Blinden- und Sehbehindertenverein. Und ist vom Tanzen begeistert: "Wenn man's kann, ist es ein Gefühl wie Schweben", schwärmt Hame.
Wie bei vielen Tanzkursen gibt es einen gewissen Frauenüberschuss. Um den zu beseitigen, wird jetzt auch eine echte Frohnatur mittanzen. Adrian Schmitz aus Merzig-Besseringen ist das erste Mal da und prompt begeistert. "Ich komme wieder, das macht echt viel Spaß", sagt Schmitz, der im September als "Saarlands Bester" in der SZ stand. Der 47-Jährige organisierte eine Hilfsaktion für einen schwer behinderten Jungen. Ständig scherzt Adrian mit seiner jungen Tanzpartnerin. Es ist zu merken, dass sich die Teilnehmer wohl fühlen.
"Schön zu sehen, wenn die Leute Glücksgefühle haben", freut sich auch Klaus Wehowsky, der die lose Idee zu einem solchen Projekt schon länger im Kopf hatte. "Viele haben geglaubt, das geht nicht" sagt Wehowsky. Hannelore Jaeckel aus Bischmisheim jedenfalls findet es "toll, mal wieder gefordert zu werden. Man hat keine Angst vor Fehlern. Die Bewegung und Gesellschaft sind das Schöne. Sonst sitzt man den ganzen Tag zuhause rum."
Gegen Ende der zwei Übungsstunden werden die Bewegungen immer flüssiger. Und auch Iris Geraldy-Latz aus Schmelz ist der Spaß anzusehen. "Sonst hat man als Blinder ja wenig Bewegung", sagt sie. Tanzen ist Träumen mit den Beinen. Nie hat dieser Satz wohl besser gepasst als bei einer solchen Übungsgruppe.
Informationen und Anmeldung zu den Tanzkursen für Behinderte und Sehbehinderte bei Klaus Wehowsky, Telefon (0163) 1 73 29 01. Ein wenig Probleme bereitet den Organisatoren die Logistik, also alle Teilnehmer zu befördern. Wehowsky: "Ideal wäre es. wenn wir dafür einen Neunerbus hätten und eine Firma sich engagieren würde." Die Übungsstunden finden ab sofort alle im neu umgebauten Tanzsportzentrum des PSV in Ommersheim statt. Samstags um 14 Uhr ist der Termin für die Blinden. Auf's Parkett kommen Standardtänze wie Walzer, lateinamerikanische wie Rumba und Samba, aber auch Discofox, Salsa, Merengue oder Flamenco. r a p s
"Bildung für alle" - oder nur für die, die sehen können?
Im Vorfeld des nationalen Bildungsgipfels macht die Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe auf Missstände aufmerksam.
14. Oktober 2008.
Bildung für alle - Bundeskanzlerin Angela Merkel hat dieses Thema zur Chefsache erklärt und für den 22. Oktober zu einem nationalen Bildungsgipfel nach Dresden geladen. Sieben Tage vorher, am 15. Oktober, findet traditionell der "Tag des weißen Stockes" statt, an dem weltweit blinde Menschen auf ihre Situation aufmerksam machen.
Zeit für eine Bestandsaufnahme zur Situation der blinden und sehbehinderten Schüler in Deutschland.
Bildung für alle - oder nur für die, die sehen können?
Laut Kultusministerkonferenz besuchen 7.000 Kinder mit dem Förderschwerpunkt "Sehen" die deutschen Schulen; der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) schätzt aber, dass es mindestens 14.000 blinde und sehbehinderte Schüler gibt.
Das sind nur 0,1% bzw. 0,2 % aller Schüler in Deutschland, eine kleine Gruppe, die bei großen Würfen in der Bildungspolitik leicht vergessen werden kann. Genau das ist schon viel zu oft passiert - so jedenfalls der Eindruck des DBSV und des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS). Beide Organisationen haben deshalb für die diesjährige Woche des Sehens, siehe unten, ein provokatives Motto gewählt: "Blindes Kind - dunkle Zukunft?"
Die optimale Förderung in der Schulzeit ist entscheidend für die Chance auf Integration in unserer Gesellschaft. Für blinde Schüler stehen heute ausgereifte pädagogische Konzepte zur Verfügung, durch die sie genau so lernen können wie Kinder mit vollem Sehvermögen. Doch die Errungenschaften in der Förderung und Bildung junger blinder und sehbehinderter Menschen werden durch Einsparungen und das Zurückfahren spezieller Förderangebote bedroht.
Ein großes Problem ist die föderale Struktur der deutschen Bildungslandschaft, sie führt zu einem Flickenteppich von Landesregelungen und in der Folge zu Bildungsangeboten unterschiedlichster Qualität. In dem einen Bundesland wird die Internatsunterbringung nicht finanziert, im zweiten fehlt es an Unterrichtsmaterialien, während am anderen Ende der Republik mit den Betreuungsstunden gegeizt wird.
"Es gibt Eltern, die ihren Wohnsitz in ein anderes Bundesland verlegen, damit ihr blindes Kind eine ordentliche Schulbildung bekommt", verdeutlicht DBSV-Präsidentin Renate Reymann die Situation.
Häufig leidet die Qualität der Schulbildung aufgrund finanzieller Aspekte. Ungefähr 27 Prozent der blinden und sehbehinderten Schüler werden an allgemeinen Schulen unterrichtet und sind selbstverständlich auch dort auf spezielle Materialien und Förderung angewiesen. Die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Karin Evers-Meyer, fordert grundsätzlich den gemeinsamen Schulbesuch von Kindern mit und ohne Behinderungen. Evers-Meyer:
"Leider ist es aber heute noch nicht jeder Regelschule möglich, einem betroffenen Kind das sonderpädagogische Know-how und all die Unterrichtsmaterialien zur Verfügung zu stellen, die es braucht. Deshalb brauchen wir noch auf lange Sicht die Option einer speziellen Förderschule. Die Qualität der Ausbildung und das Wahlrecht des Kindes und seiner Eltern müssen an erster Stelle stehen."
Auch die Selbsthilfeverbände machen sich für das Wahlrecht stark; die Eltern sollen aus ihrer individuellen Situation heraus entscheiden können, ob ihr Kind besser in der allgemeinen Schule vor Ort oder in einer speziellen Förderschule aufgehoben ist.
"Voraussetzung für ein echtes Wahlrecht ist aber, dass an beiden Schulformen genügend
qualifizierte Blinden- und Sehbehindertenpädagogen zur Verfügung stehen", bemerkt der DVBS-Vorsitzende Uwe Boysen und fordert eine bessere Ausstattung der vier deutschen Ausbildungsstandorte.
Höchste Zeit also, dass die Bildungsoffensive der Kanzlerin auch bei den blinden und sehbehinderten Schülern ankommt. Zahlreiche Eltern betroffener Kinder wollten nicht länger warten und haben sich auf Initiative des DBSV in einem "Netzwerk Elternberatung" zusammengeschlossen. Das Beratungsangebot von Betroffenen für Betroffene startete zu Beginn der diesjährigen Woche des Sehens, mehr Infos unter: www.dbsv.org/elternberatung
Woche des Sehens: Kinderblindheit verstehen und verhüten
Der "Tag des weißen Stockes" am 15. Oktober bildet traditionell den Abschluss der Woche des Sehens, die bundesweit auf die Bedeutung guten Sehvermögens, die Ursachen vermeidbarer Blindheit sowie die Situation blinder und sehbehinderter Menschen in Deutschland und in den Entwicklungsländern aufmerksam macht. Die Partner der Aufklärungskampagne haben in diesem Jahr gemeinsam den Schwerpunkt "Blinde und sehbehinderte Kinder" gewählt.
Getragen wird die Aktionswoche (9.-15. Oktober 2008) von
der CBM (Christoffel-Blindenmission), dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband, dem Berufsverband der Augenärzte, dem Deutschen Komitee zur Verhütung von Blindheit, der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft, dem Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf sowie dem Hilfswerk der Deutschen Lions. Unterstützt wird die
Woche des Sehens von der Aktion Mensch und der Carl Zeiss Meditec AG.
Im Saarland ist der Blinden- und Sehbehindertenverein mit im Boot.
15. Oktober, 16.00 Uhr:
Universitätsaugenklinik Homburg-Saar
Hörsaal der Augenklinik, Gebäude 22, Kirrbergerstr. 1
Professor Seitz und Professorin Käsmann-Kellner haben das Thema Augenerkrankungen bei Kindern in dem Mittelpunkt gestellt.
16. Oktober 10.30 Uhr:
Rehabilitation-Integration
Chancen und Grenzen
Zentrum für Blinde und Sehbehinderte
Küstriner Str. 6
66121 Saarbrücken-Eschberg
Der saarländische Justiz- und Sozialminister Prof. Dr. Vigener wird anwesend sein, das Berufsförderungswerk Würzburg berichtet über die Situation bei der Wiedereingliederung, eine Integrationslehrerin berichtet von ihren Erfahrungen und letzlich kommt eine Betroffene zu Wort.
Am Beispiel eines EDV-Fachmannes wollen wir zeigen, wie Integration letzlich funktionieren kann, wenn die Rahmenbedingungen gegeben sind.
Begleitet wird die ganztägige Veranstaltung durch Hilfsmittelaussteller für Blinde und Sehbehinderte.
Zu beiden Veranstaltungen sind alle herzlich eingeladen:
Blinden- und Sehbehindertenverein für das Saarland e. V.
Hoxbergstraße 1
66809 Nalbach
Tel.: (0 68 38) 36 62
e-mail: info@bsvsaar.org
Web: www.bsvsaar.org
Weitere Infos: www.woche-des-sehens.de
Am Sonntag, 27.07.2008, von 10.30 bis 16 Uhr, bietet der Blinden- und Sehbehindertenbund Pfalz gemeinsam mit dem Fahrlehrerverband Pfalz Autofahren für Blinde und Sehbehinderte an.
Treffpunkt ist die Kantine der Bereitschaftspolizei, Birkenstraße 107, 67677 Enkenbach-Alsenborn.
Für Teilnehmer, die mit der DB anreisen, besteht bei rechtzeitiger Voranmeldung beim Blinden- und Sehbehindertenbund Pfalz (Uhrzeit angeben) die Möglichkeit, sich an den Bahnhöfen Enkenbach (Strecke Kaiserslautern-Bingen) oder Hochspeyer (Strecke Kaiserslautern-Neustadt/Weinstraße) abholen zu lassen.
Speisen und Getränke, je nach Geschmack und Geldbeutel, bietet die Polizeikantine während der gesamten Veranstaltung an.
Für die Teilnehmer am Autofahren müssen wir zur Deckung der Regiekosten ein einmaliges Startgeld in Höhe von 5,- Euro je Person erheben.
Wir sind bemüht, neben der Möglichkeit des Autofahrens (auch LKW), an diesem Tag weitere interessante Attraktionen anzubieten.
Weitere Auskünfte und Voranmeldungen (insbesondere für die Bahnfahrer) nur bei der Geschäftsstelle des BSB Pfalz:
Wilhelm Lickteig, - Vorsitzender -
E-Mail: w.lickteig@bsb-pfalz.de
Blinden- und Sehbehindertenbund Pfalz e. V.
Haspelstraße 25
67657 Kaiserslautern
Telefon: (06 31) 9 22 94 ; Telefax: (06 31) 8 92 91 90
E-Mail: info@bsb-pfalz.de
Sollten Sie an der Veranstaltung teilnehmen wollen, so melden Sie sich bitte hier:
Kontakt:
Heinz-Peter Engels, (06 81) 4 78 89)
Blinden- und Sehbehindertenverein für das Saarland e.V.
Hoxbergstraße 1 · 66809 Nalbach