Zwangssterilisation blinder Menschen: Das Unrecht wirkt bis heute nach
Liebe Mitglieder und Freunde des BSVSaar,
heute leite ich eine Pressemitteilung zu einer sehr wichtigen Veranstaltung
weiter. Auch Zwangssterilisation gehört zur Geschichte von blinden Menschen
und darf nicht einfach ausgeblendet werden!
Von: Stiftungskommunikation <(Diese E-Mail ist zum Schutz vor Bots geschützt)>
Gesendet: Freitag, 17. Juli 2026 11:32
Betreff: Zwangssterilisation blinder Menschen: Das Unrecht wirkt bis heute
nachSehr geehrte Damen und Herren,
bis zu 2.800 blinde und sehbehinderte Menschen wurden während der NS-Zeit in
Deutschland zwangssterilisiert. Auch im Blindeninstitut Würzburg wurden
Schüler Opfer dieses Unrechts. Eine Veranstaltung der
Blindeninstitutsstiftung am 8. Juli 2026 zeigte, welche Rolle
Universitätsmedizin, staatliche Behörden und gesellschaftliche Vorurteile
dabei spielten – und wie wichtig es bleibt, die Geschichten der betroffenen
Menschen sichtbar zu machen.Im Mittelpunkt stand ein Vortrag des israelischen Historikers Prof. Oded
Heilbronner von der Hebräischen Universität Jerusalem/Reichmann Universität
Hertzliya über Augenärzte, Menschen mit Sehbehinderung und
Zwangssterilisationen während der NS-Zeit. Daran schloss sich eine
Gesprächsrunde mit Vertretern der Universitätsklinik Würzburg, der
Blindeninstitutsstiftung und der Blindenselbsthilfe an.Die zentrale Erkenntnis des Abends: Dass vergleichsweise weniger blinde und
sehbehinderte Menschen zwangssterilisiert wurden als Angehörige anderer
betroffener Gruppen, entlastet die damalige Augenheilkunde nicht. Die Zahlen
zeigen vielmehr, wie medizinische Unsicherheiten, fachliche
Ermessensspielräume und Entscheidungen der Erbgesundheitsgerichte
ineinandergriffen. Auch gesellschaftliche Vorstellungen von
Leistungsfähigkeit spielten eine Rolle. Die Gesprächsrunde zeigte zudem,
dass blinde Menschen beim Thema Elternschaft auch heute noch mit Vorurteilen
konfrontiert werden.Den Opfern eine Stimme geben
„Am heutigen Abend wollen wir an blinde Menschen erinnern, denen in der Zeit
des Nationalsozialismus großes Unrecht angetan worden ist“, sagte Johannes
Spielmann, Vorstand der Blindeninstitutsstiftung, zu Beginn. Mit Wissen,
Willen und Einverständnis einzelner Leitungsverantwortlicher waren auch
Schüler des damaligen Blindeninstituts zwangssterilisiert worden, darunter
auch Siegfried Gerhard. Spielmann betonte, dass er Gerhard stellvertretend
für alle Opfer eine Stimme verleihen wolle, indem er aus dessen schriftlich
festgehaltenen Erinnerungen vorlas: „Wenn es einmal heißen sollte, die
Blinden in der Blindenanstalt hätten sich freiwillig gemeldet, dann werden
wir die Öffentlichkeit eines andern belehren.“Medizin war Teil eines Unrechtssystems
Grundlage der nationalsozialistischen Zwangssterilisationen war das 1933
verabschiedete und ab 1934 angewandte „Gesetz zur Verhütung erbkranken
Nachwuchses“. Auch die damals verwendeten Kategorien „erbliche Blindheit“
und „erbliche Taubheit“ konnten als Begründung für eine Sterilisation
herangezogen werden.In seinem Vortrag machte Prof. Oded Heilbronner deutlich, dass gerade bei
Sehbehinderungen die medizinische Einordnung jedoch häufig nicht eindeutig
war. Augenärzte mussten daher beurteilen, ob eine Sehbeeinträchtigung als
erblich anzusehen sei. Ihre Gutachten konnten erheblichen Einfluss auf das
weitere Verfahren und damit auf das Leben der betroffenen Menschen haben.Keine Entlastung für die Augenheilkunde
Heilbronner zeigte, dass viele Ärzte nationalsozialistische und
rassenhygienische Grundannahmen teilten oder sich dem System anpassten.
Zugleich führten medizinische Unsicherheiten und unterschiedliche fachliche
Bewertungen nicht in jedem Fall zum gleichen Ergebnis. Darüber hinaus gab es
nach dem Ersten Weltkrieg ein ganzes Netzwerk von Blindenvereinen, die daran
arbeiteten, blinde Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren und deshalb
eher einer Zwangssterilisation entgangen sind.Darüber hinaus bestand in Deutschland bereits seit der Zeit nach dem Ersten
Weltkrieg ein Netzwerk von Blindenvereinen, das sich für die berufliche
Eingliederung blinder Menschen einsetzte. Die nachgewiesene Arbeitsfähigkeit
konnte dazu beitragen, dass einzelne Betroffene von einer
Zwangssterilisation ausgenommen wurden.„Mir geht es nicht darum, die Augenheilkunde während des NS-Regimes zu
entlasten“, schloss Heilbronner seinen Vortrag. „Ich möchte zeigen, dass es
mehrere Gründe für den relativ geringen Anteil blinder Menschen an allen
Opfern von Zwangssterilisation gibt. Diese sind auf den ersten Blick nicht
gleich zu erkennen.“Das Thema führt auch nach Würzburg
In der anschließenden Gesprächsrunde bat Vorstand Spielmann die
Podiumsteilnehmer aufzuzeigen, inwiefern die Geschichte der
Zwangssterilisationen auch zur Würzburger Stadt- und Medizingeschichte
gehört. Prof. Dr. Johannes Dietl, ehemaliger Direktor der
Universitätsfrauenklinik Würzburg, hat dieses dunkle Kapitel seines
Fachgebiets an der Klinik ausführlich aufgearbeitet. In vergessenen Akten im
Kellerarchiv hat er recherchiert, dass rund 1.000 Frauen während der NS-Zeit
zwangssterilisiert worden sind. Weil die Unterlagen aus der Chirurgie
vernichtet worden seien, lasse sich heute laut Dietl nicht mehr feststellen,
wie viele Männer in Würzburg betroffen waren.Spärliche Quellen, offene Fragen
Prof. Dr. Franz Grehn, langjähriger Direktor der Universitäts-Augenklinik
Würzburg, bestätigte, dass auch in seinem Fachgebiet bis auf ein
Operationsbuch keine ausführlichen Unterlagen mehr aus der Zeit des Zweiten
Weltkriegs vorlägen. Er beschrieb, dass die Vorgaben des
NS-Erbgesundheitsgesetzes und deren Umsetzung aber zu großen Konflikten
zwischen den Ärzten innerhalb der Fakultät geführt hätten. Überrascht zeigte
sich Grehn davon, wie tief prägende Größen der Augenheilkunde in der
Diskussion über Zwangssterilisationen blinder Menschen im
Nationalsozialismus verflechtet waren.Dr. Hans Neugebauer, ehemaliger Stiftungsdirektor der
Blindeninstitutsstiftung, ging noch einmal auf die Geschichte des blinden
Schülers Siegfried Gerhard ein. In den 70er Jahren habe er ihm beim
Kaffeetrinken erzählt, wie er zusammen mit anderen ehemaligen Schülern gegen
seinen Willen in die Klinik zur Sterilisation geschickt worden war.
Neugebauer und der damalige Schulkonrektor hielten dessen Leidensgeschichte
daraufhin in einem schriftlichen Interview fest und veröffentlichten es
unter anderem in der 2021 erschienen Stiftungschronik. „Herrn Gerhard war es
sehr wichtig, dass sein Schicksal festgehalten und nicht vergessen wird“, so
Neugebauer.Vorurteile wirken nicht nur in der Vergangenheit
Andreas Bethke, Geschäftsführer des Deutschen Blinden- und
Sehbehindertenverbandes, brachte die Perspektive der heutigen Selbsthilfe
ein. Zwangssterilisationen und deren Nachwirkungen seien lange kaum
thematisiert worden. Betroffene hätten dazu oft nicht die Kraft gehabt.
Aufarbeitungen gab es zu wenig. Er berichtete sehr persönlich von
Vorurteilen, die blinde und sehbehinderte Menschen, insbesondere wenn sie
Eltern seien, auch heute noch erleben würden.Zudem stellte Bethke das Unrecht, das behinderten Menschen während der
NS-Zeit angetan worden war, in Bezug zu aktuellen Kosten-Nutzen-Debatten
zulasten behinderter Menschen. Er kritisierte, dass manchmal
behinderungsbezogene Leistungen von Leistungen für Bürger abgegrenzt würden,
dass oft Teilhabe gesellschaftlich als Kostenfaktor und Barrierefreiheit als
Belastung für die Wirtschaft dargestellt würden. Solche Haltungen
missachteten das Recht auf Teilhabe aller Menschen, seien wirtschaftlich
falsch und gefährdeten den Zusammenhalt der Gesellschaft.Er mahnte: „Menschen mit Behinderung dürfen nie wieder als eine Bürde für
die Gesellschaft verstanden werden“.Erinnerung braucht konkrete Geschichten
Für die Blindeninstitutsstiftung ist die Auseinandersetzung mit diesem Teil
ihrer Geschichte eine bleibende Aufgabe. Darauf wies Stiftungsvorstand Dr.
Marco Bambach in seinem Abschlusswort hin: „Erinnerung bedeutet für uns:
nicht zu beschönigen, nicht auszuweichen, sondern beim Namen zu nennen, was
geschehen ist.“ Begleitet wurde der Abend vom Rehan Syed Ensemble, das mit
seinen gefühlvollen Sinti-Liedern immer wieder zum Innehalten einlud. Neben
der Blindeninstitutsstiftung war das BFW Würzburg und der Bayerische
Blinden- und Sehbehindertenbund Veranstalter des Abends.Die vollständige Pressemitteilung und Bildmaterial finden Sie im Anhang.
Über eine Veröffentlichung freuen wir uns.
Beste Grüße,
Thomas Kandert
Stiftungskommunikation
Blindeninstitutsstiftung
Ohmstraße 7
97076 Würzburg
Mit sehr nachdenklichen Grüßen
Silvia Hame
(Vorsitzende)
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